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Leseprobe aus "Der Rosenmagier II - Kampf um das Wolkenschloss"

Valbredos Werkzeug

Romerto ist nicht mein Vater?“, wiederholte Pirino verdutzt. „Wer sagt das?“
Die Neuigkeit hätte ihn schockieren müssen. Stattdessen war er fast erleichtert. Er hätte es längst ahnen sollen! Kein Vater wäre fähig gewesen, seinen Sohn immer wieder zurückzustoßen und dem Rosoboziom-Orden auszuliefern. So etwas konnte nur ein Fremder fertigbringen!
„Aber wenn Romerto es nicht ist – wer ist es dann?“
Noch bevor Miklana antworten konnte, stieg ein dumpfes Grollen aus den unteren Stockwerken des Wolkenschlosses herauf. Nach einem kurzen Moment der Stille erhob sich wütendes Geschrei, in das sich das Stampfen der Vextorsen und die schrillen Laute der Trötflieger mischten.
Miklana wurde blass. „Sie haben deine Flucht entdeckt!“
Unsanft drängte sie ihn hinter den Wandschirm. Sie klaubte seine verschlissenen Kleider auf, die noch dort lagen und drückte sie ihm in die Hand. „Nimm die mit!“
„Mitnehmen? Wohin?“
Die Oberpriesterin drückte mit beiden Händen gegen die Wand. Pirino machte große Augen. Lautlos schwang eine Tapetentür auf. Er hätte schwören können, dass die vorher nicht dagewesen war. Miklana ließ ihm keine Zeit, sich zu wundern. Hastig schubste sie ihn in den kleinen Raum. „Was auch immer geschieht: du gibst keinen Laut von dir, verstanden?“
Er nickte.
„Gut!“ Sie stürzte hinaus und zog die Tür ins Schloss.
Pirino hörte sie draußen murmeln, verstand aber kein Wort. Er vernahm leises Klappern und schleifende Geräusche und vermutete, dass sie in ihrem Zimmer umher huschte und alle Spuren seiner Anwesenheit beseitigte.
Dann wurde es still – unheimlich still.
Pirino presste die zerlumpten Kleidungsstücke so krampfhaft gegen seine Brust, dass seine Finger gefühllos wurden. Er wagte kaum zu atmen. „Warum sollten sie mich ausgerechnet hier suchen? Sie haben keine Ahnung …“, versuchte er sich einzureden.
Plötzlich ließ lautes Poltern und Krachen die Wand erzittern. Schwere Tritte folgten.

„Hm … ich meine … äh … das führt … äh … zu weit!“
Pirino wurden die Knie weich. Das war Gonfio!
„Wie dem auch sei“, ließ sich auch Trumon vernehmen, „dass er sich ausgerechnet hier verkrochen haben soll, kommt mir unwahrscheinlich vor!“
„Und warum?“, mischte sich eine dritte Stimme ein.
Lodo! Seine Anwesenheit bei Pirinos erzwungenem Treueschwur war also kein Zufall gewesen? So weit war er mittlerweile in der Rangfolge des Ordens aufgestiegen, dass er zum engsten Kreis um Valbredo gehörte? „Ich meine … äh … das sind die Gemächer der ehrwürdigen Miklana!“
Lodo schnaubte. „Und weiter? Als ob er sich davon abschrecken ließe, dieser … dieser Kerl!“ Scheinbar fiel ihm keine Beschimpfung ein, die für Pirino übel genug war.
„Wie dem auch sei, wie hätte der Bursche hier herein kommen sollen …“, setzte der Wieselgesichtige wieder an, als eine vierte Stimme aufgebracht dazwischenfuhr:
„Was steht ihr hier herum? Wenn ich sage, alles wird durchsucht, meine ich das auch! Vorwärts, aber plötzlich!“
Valbredo!
„Wie dem auch sei, hier ist niemand, außer der ehrwürdigen Miklana!“, wagte Trumon einzuwenden.
„Wir … äh … hätten ihn sonst … äh … sofort entdecken müssen!“
„Ah ja, wirklich?“, höhnte Lodo. „Genau wie bei unserer geheimen Zusammenkunft? Da war auch weit und breit niemand zu sehen!“
„Schluss mit dem Gerede!“, schnauzte der Oberpriester. „Sucht weiter! Wir werden ihn finden und wenn wir dafür das Schloss Stein für Stein abtragen müssen!“
Den Geräuschen nach, die jetzt von draußen hereindrangen, machten sich die Männer sofort daran, Valbredos Befehl in die Tat umzusetzen. Der Lärm war unbeschreiblich. Pirino sah geradezu vor sich, wie sie die Schranktüren aufrissen, Möbel umstießen und sogar Stoffe zerfetzten.
Langsam wich er zurück, bis er gegen die Mauer stieß. Wieder kamen die Schritte näher. Sein Herz hämmerte zum Zerspringen. „Nein, nein, nein! Geht weiter! Ich bin nicht hier!“, flüsterte er angstvoll. „Macht schon, geht weiter!“
An der Wand zu seinem Versteck gab es ein deutliches Kratzen. Jemand zischelte für ihn unverständliche Worte.
Das Entsetzen lähmte ihn. „Aus!“, war alles, was er denken konnte. „Sie haben die Tapetentür entdeckt!“ Aber das Krachen, Poltern und Scheppern draußen ging weiter – und die Tür blieb verschlossen.
„Wie dem auch sei“, maulte Trumon. „Wenn Ihr mich fragt, verschwenden wir hier unsere Zeit.“
Der Oberpriester fluchte. „Knarlgift und Mächte der Finsternis! Wo steckt der verfluchte Bengel! Hat er sich in Luft aufgelöst?“
„Ich … äh … meine eher, dass er … äh … wieder irgendwie aus dem Schloss gekommen ist!“
„Lächerlich!“, blaffte Valbredo.
„Warum?“, fragte Trumon.
„Weil er noch vor ein paar Stunden mehr tot als lebendig war, darum. Als die Vextorsen ihn uns vorgeführt haben, konnte er kaum aus eigener Kraft stehen. Niemals hätte er in diesem Zustand die magische Pforte öffnen können – selbst wenn er die Formel wüsste.“
„Wie dem auch sei, man sollte trotzdem die Palastwachen alarmieren und den Trötfliegern befehlen, das Schlossgelände und den Weg nach Syrlin zu durchkämmen“, beharrte Trumon.
„Und … äh … wie wäre es mit einem … äh … Enthüllungsritual? Ich … äh … meine, die ehrwürdige Miklana …“
„Was für ein brillanter Einfall!“ Valbredo lachte harsch. „Sollte es Eurer Aufmerksamkeit entgangen sein, dass unsere ehrwürdige Oberpriesterin wieder einmal bewusstlos auf ihrem Ruhelager liegt? Aus der werden wir in den nächsten Stunden keinen Laut herausbringen, welche Mittel Euch auch vorschweben mögen!“
Pirino hörte rastlose Schritte, die bald näher kamen, sich dann wieder entfernten. Ein dumpfer Schlag gegen die Tapetentür ließ ihn zusammenfahren.
„Ich weiß, dass er hier in der Nähe ist“, zischte Valbredo zornig. „Ich spüre es.“
„Lasst den Kerl doch endlich laufen“, meinte Lodo mürrisch. „Verzeiht, wenn ich so offen spreche, aber dieser Bursche tanzt Euch auf der Nase herum und macht Euch im ganzen Palast lächerlich. Warum lasst Ihr Euch das gefallen? Was in aller Welt ist so Besonderes an ihm, dass Ihr solche Mühe auf ihn verwendet?“
„Wie dem auch sei, Ihr solltet Eure Zunge hüten, Grünschnabel“, wies Trumon ihn zurecht.
„Seine Gnaden … äh … der ehrwürdige Valbredo … äh … hat seine Gründe“, bellte Gonfio.
„Ja, ja, ja, ich weiß schon“, leierte Lodo alles andere als respektvoll. „Jetzt kommt wieder die alte Geschichte … aber es gibt noch andere Novizen oder Priester im Wolkenschloss, bei denen sich das Blut zweier Magier vereinigt! Mich zum Beispiel.“
In seinen Worten lag so viel gekränkte Eitelkeit, dass Pirino trotz der lebensgefährlichen Situation, in der er sich befand, schadenfroh grinste.
„Wie … äh … könnt Ihr es wagen …“
„Es ist doch wahr! Im Gegensatz zu ihm bin ich Euch treu ergeben! Also sagt es mir: was kann er Euch bieten, was ich nicht auch könnte?“
„Seid still!“, fuhr Valbredo dazwischen. In die unangenehme Stille hinein sagte er: „Es ist zwar allein meine Angelegenheit, aber ich will Euch trotzdem antworten.“
Aufgeregt schlich Pirino zur Tür und presste sein Ohr dagegen, damit ihm kein Wort entging.
„Es mag Euch gefallen oder nicht, aber für meine Pläne brauche ich diesen Jungen und niemanden sonst. Er ist außergewöhnlich! Im ganzen Schloss werdet ihr keinen Priester oder Novizen finden, der ihm gleichkäme. Mit seiner magischen Begabung könnte er mühelos den gesamten Palast beherrschen. Selbstverständlich hat er davon keine Ahnung – und wenn er es erfährt, wird es ihm nichts mehr nützen.“
„Begabung? Der?“, stieß Lodo beleidigt hervor. „Da kann ich ja nur lachen.“
„Wie dem auch sei, ausnahmsweise muss ich dem jungen Lodo Recht geben“, sprang Trumon ihm bei. „Dieser Pirino – solange er im Schloss war, habe ich nur Klagen über ihn gehört.“
„In sämtlichen Lektionen war er ein hoffnungsloser Fall, bei den Ritualen ein Versager und vom ersten Tag an trotziger und widerspenstiger, als alle anderen Novizen zusammen“, zählte Lodo verbittert auf.
„Das ist wahr“, grollte Valbredo. „Es war ein Fehler, sich in dieser Sache auf den Schwachkopf Romerto zu verlassen, dem es unmöglich war, dem Bengel Gehorsam und bedingungslose Unterwerfung einzubläuen. Nun, der Verräter hat sein verdientes Ende gefunden.“
Gonfio gluckste. „Oh … äh … ja, das wildgewordene Pferd, das ihn … äh … zu Tode getrampelt hat! Ein … äh … genialer Einfall, ehrwürdiger Valbredo!“
Pirino zuckte zusammen, obwohl die Worte des fetten Priesters nur ein weiterer Beweis für Valbredos Skrupellosigkeit waren.
„Und wer sind nun seine Eltern, die ihm so überaus mächtige Gaben hinterlassen haben?“, fragte Lodo säuerlich.
In Pirinos Ohren brauste es so, dass er fürchtete, die Antwort nicht zu verstehen.
Doch Valbredo ärgerte sich offenbar bereits, so viel gesagt zu haben. „Es genügt, wenn Ihr wisst, dass er mein Werkzeug ist – nur deshalb ist er überhaupt auf der Welt. Und falls Ihr Wert darauf legt, Euren Platz an meiner Seite zu behalten, sollte es Eure einzige Sorge sein, ihn wieder herbeizuschaffen. Alles Weitere könnt Ihr mir überlassen. Ich hoffe, ich habe mich klar genug ausgedrückt!“
Das hatte er zweifellos. Die Priester stoben auseinander.
„Suchen wir … äh … in den Wirtschaftsräumen!“, rief Gonfio. Die Schritte der Männer entfernten sich hastig. Es wurde still.

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