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Leseprobe aus "Der Rosenmagier III - Valbredos Erben"

Bei Nacht und Nebel

Fassungslos stolperte Pirino in die Arrestzelle, hoch oben im Nordturm.
KNALL.
Die Eisentür wurde ins Schloss geworfen.
SCHRRRG – KLACK.
Der Riegel rastete scharrend ein, der Schlüssel drehte sich im Schloss.
In die sich entfernenden Schritte Matro Rabones vernahm Pirino ein drohendes Flüstern.
Besinne dich auf deine Pflichten! Besinne dich auf deine Pflichten!“
„NEIN!“, schrie Pirino. Unzählige Male war er als Novize hier eingesperrt gewesen und hatte unter den Einflüsterungen gelitten. Heute aber erschreckte ihn weniger die körperlose Stimme, als die Tatsache, dass Meister Salco mittlerweile zu solchen Mitteln griff.
Pirino hatte damit gerechnet, dass sich die Ordensleute über sein Versagen beim Ballaren-Ritual ärgern würden. Auf die Empörung, die über ihn hereinbrach, kaum dass er hinter Meister Salco und Matro Rabone aus dem Tempel schlich, war er allerdings nicht gefasst gewesen.
Die wütenden Priester beschuldigten ihn die magischen Schwingungen absichtlich unterbrochen zu haben, dem Orden bewusst schaden zu wollen, ja, ein falsches Spiel zu treiben und in Wirklichkeit mit den Mächten der Finsternis im Bunde zu stehen.
„Der Orden, der Orden“, fauchte er endlich. „Das ist alles, was für euch zählt. Dabei hat der Orden längst den Blick für die Wirklichkeit verloren.“
„Pirino, nimm dich zusammen.“ Meister Salcos Mund wurde zu einem schmalen Strich. „Für heute hast du wahrhaftig genug angerichtet.“
Angerichtet? Ich?“ Pirino verlor den letzten Rest seiner Beherrschung. „Und was ist mit dem, was Ihr anrichtet? Früher habt Ihr uns eingeschärft, wir sollten die Augen und Ohren offen halten. Es gäbe mehr zwischen Himmel und Erde, als die Weisheit aus Büchern und Schriftrollen und vor allem mehr, als die Lehren der Priester. Und jetzt? Ihr zwingt Lunara, Magoriora zu werden, obwohl Ihr genau wisst, dass sie damit todunglücklich ist.“
Lunara schüttelte warnend den Kopf, doch er kannte kein Halten mehr. „Wir haben Euch von Nidos Ratschlägen erzählt – und es war Euch gleichgültig. Lunaras Visionen habt Ihr als pure Einbildung abgetan. Es war aber keine Einbildung. Ich habe die dunkelhaarige Frau auch gesehen, gerade eben, im Tempel, außerdem eine junge Rüsselwölfin, die in Not ist …“
„Es reicht“, unterbrach Meister Salco ihn schroff. „Jedes deiner Worte zeigt, dass du dein Amt als Magoriore und die damit verbundenen Aufgaben noch immer als eine Art Spiel zu betrachten scheinst. Aber es gibt Wege, um dich von diesem Irrtum zu kurieren.“ Mit ungewohnt herrischer Geste wies er zur Tür. „Pirino, du stehst vorläufig unter strengem Arrest.“

Besinne dich auf deine Pflichten! Besinne dich auf deine Pflichten!“
„Verdammt, lasst mich in Ruhe“, brüllte Pirino, ohne recht zu wissen, wen er damit meinte. „Ich kenne meine Pflichten – und zwar besser als ihr.“ Rastlos lief er in dem Turmverlies auf und ab.
Wie ein Lichtblitz durchzuckte ihn ein neues Bild. Er sah eine gewaltige Burg auf einem zerklüfteten Felsen. Ein gedrungener sechseckiger Turm mit scharfkantigen Zinnen erhob sich über düsteren Mauern aus roh behauenen Steinen.
Pirino blieb stehen. Sein Atem ging stoßweise.
Besinne dich auf deine Pflichten! Besinne dich auf deine Pflichten!“
Seine Kehle zog sich zu. Das Turmverlies hatte nichts von seinen Schrecken verloren. Die Dunkelheit … die unsichtbare Stimme … die Angst, was ihn nach der Gefangenschaft erwartete … Demütigungen … Misshandlungen …
Nein, nein, das war Valbredos Art gewesen, seinen Widerstand zu brechen.
Meister Salco würde so etwas nie tun, er war anders … stimmte das wirklich? Schließlich hatte er ihn einsperren lassen … Waren das Anzeichen dafür, dass er Valbredo allmählich immer ähnlicher wurde? „Besinne dich auf deine Pflichten! Besinne dich auf deine Pflichten!“ Das Wispern klang wie Hohn.
Pirino stopfte sich die Finger in die Ohren, wohlwissend, dass das ein nutzloses Unterfangen war. Das beständige Raunen drang überall durch. Prompt musste er daran denken, dass manche Arrestanten in diesem Kerker ihren Verstand verloren hatten. Würde es ihm am Ende auch so gehen …?
„Schluss jetzt“, sagte Pirino laut. „Du hörst auf der Stelle mit dem Unsinn auf, Sohn des Romerto, hast du mich verstanden? Statt zu jammern und darauf zu warten, dass dich jemand befreit, sieh lieber zu, wie du allein hier heraus kommst.“
Sich selbst zur Ordnung zu rufen, half ein wenig gegen die Panik. Einen Ausweg aus der verfahrenen Situation zu finden, war dagegen so gut wie hoffnungslos.
Vergiss nie, dass es für beinahe jeden Zauber einen Gegenzauber gibt.
Wie aus unermesslicher Tiefe tauchte der Satz in seinem Kopf auf. Wer hatte das gesagt? Meister Salco?
Nein, jetzt wusste er es wieder: Lodo war es gewesen, als er ihn im magischen Zweikampf unterrichtet hatte.
Nach und nach fielen ihm Einzelheiten ein.
Du musst natürlich wissen, wie die ursprüngliche Beschwörung aufgebaut ist“, hatte Lodo gesagt. „Nimm zum Beispiel die Arrestzellen im Nordturm. Sie gelten als absolut ausbruchsicher, weil die Türen abgesehen von Schloss und Riegel mit einem magischen Bann versehen sind, der jede herkömmliche Formel einfach verpuffen lässt. In Wirklichkeit kann man …
Pirino wurde ganz aufgeregt. „Er hat mir erklärt, wie man die Tür aufbekommt“, murmelte er. „Ich muss mich erinnern, ich muss …“
Er strengte sein Gedächtnis an. Wie war das nur?
Musste man die Formel, mit der die Zelle versiegelt wurde, wiederholen und das allgemeine Aufhebungswort Comunasvanite dahinter setzen?
Nein, das war zu einfach.
Rückwärts! Er musste die Formel rückwärts sagen und dann das allgemeine Aufhebungswort.
Aber wie war der Spruch?“
Pors poria apra … nein, chiuda, also noch einmal: pors poria chiuda, fino … fino …
Er schob die Worte in seinem Kopf hin und her.
„Ha, jetzt habe ich’s: Pors poria chiuda, fino tempio pasa, fino prisio penta, fino preto apra. Genau, so war es.”
Jetzt rückwärts!
Apra preto fino … äh … penta prisio fino, pasa tempio fino … tempio fino … ach ja … chiuda poria pros – comunasvanite.
Nichts geschah.
„Jetzt geh doch endlich auf!“ Pirino versetzte der Tür einen wütenden Faustschlag, bevor er sich entmutigt gegen die Wand lehnte.
Besinne dich auf deine Pflichten! Besinne dich auf deine Pflichten!“
Pirino schloss die Augen und presste die Hände gegen die Schläfen. Müdigkeit lähmte seine Gedanken.
Rückwärts sprechen … aber das hatte er getan. Vielleicht hatte Lodo von einem ganz anderen Kerker gesprochen und seine Anweisungen waren für dieses Verlies nutzlos. Rückwärts … die Formel rückwärts sprechen … rückwärts …
Pirino hob ruckartig den Kopf. „Das muss es sein“, flüsterte er. Langsam wandte er sich um und legte beide Handflächen gegen den Türrahmen.
Arpa oterp onif, atnep oisirp onif, asap oipmet onif, aduihc airop sorp – comunasvanite.
Das Flüstern verstummte mitten im Wort. Das Schloss klickte vernehmlich, der Riegel glitt scharrend zurück und die Tür schwang leise quietschend auf.
Ein wenig benommen taumelte Pirino aus der Zelle. Einen Augenblick lang empfand er einen wilden Triumph, dass ihm der schwierige Zauber zuletzt doch noch geglückt war. Die Erleichterung allerdings hielt nur kurz an. Dass er sich befreit hatte, war ja erst der Anfang. Die Schwierigkeiten, da war er sicher, gingen gerade richtig los.
Er fuhr sich mit dem Ärmel über das schweißnasse Gesicht. „Eins nach dem anderen“, brummte er, bevor er die Tür schloss und erneut magisch versiegelte.
Als er sich die enge Wendeltreppe hinunter tastete, merkte er, dass seine Knie zitterten. Das verpatzte Ritual, das folgende Strafgericht und seine verzweifelten Versuche, die richtige Formel zu finden, all das hatte ihm mehr zugesetzt, als er wahrhaben wollte. Aber darauf konnte er keine Rücksicht nehmen.
Verflixt, jetzt wäre er fast ausgerutscht. Die Treppe war glitschig und der Turm stockdunkel. Er musste vorsichtiger sein. Rechts und links stemmte er die Hände gegen die raue Mauer, um besseren Halt zu finden, während er mit den Zehen die nächste Stufe suchte.
Endlich wurde die Treppe breiter, ein sicheres Anzeichen dafür, dass er beinahe unten sein musste. Einen Moment lang stützte er sich an der Wand ab, um etwas zu verschnaufen. Er wollte eben das letzte Stück in Angriff nehmen, als er unversehens über etwas Weiches stolperte. Das Ding gab ein durchdringendes Kreischen von sich. „AAAAHHHH.“ Pirino verlor das Gleichgewicht und kugelte die Stufen hinunter, bis er ein gutes Stück weiter unten heftig mit irgendjemandem zusammenprallte, der die Treppe hinauf wollte. „Au!“
Auch die Gestalt, die er bei seinem Sturz umgerissen hatte, schrie auf.
Pirino stutzte. Er kämpfte sich auf die Beine. „Lunara?“
„Pirino?“
„Ja, ich bin’s. Hast du dir weh getan?“
„Nein, nein, ich glaube nicht.“ Auch sie rappelte sich auf. „Pirino, ich dachte du wärest eingesperrt? Wie kommst du hierher, was machst du hier?“
„Das Gleiche könnte ich dich fragen“, schnaufte Pirino. Er zuckte erschrocken zusammen, als zum zweiten Mal etwas Weiches sein Bein streifte. „Huh, was ist das?“
„Ach, das ist Feline. Sie hat mich hergeführt.“
„Feline? Ich dachte, die würde dich seit Wochen links liegen lassen?“
„Sie ist zurückgekommen, weil ich … weil mir endlich klar geworden ist, was für einen furchtbaren Fehler ich begangen habe. Sie hat mir gesagt, dass ich dich befreien soll und … Pirino, wir müssen weg von hier, noch heute Nacht.“
„Ich weiß. Hier im Palast können wir keinem mehr trauen – Seneschall Salco am wenigsten … ach, Lunara, entschuldige. Ich hab’s nicht so gemeint. Es ist nur …“
Lunara gab einen erstickten Laut von sich. „Du hast ja Recht. Mit allem, von Anfang an. Ich habe mich ihm zuliebe drauf eingelassen, Magoriora zu werden. Weil ich dachte, dass wir dann wieder näher zusammen rücken. Stattdessen wird alles nur immer schlimmer. Er ist mir völlig fremd geworden.“
„Mir auch“, bestätigte Pirino bitter.
„Soll ich dir sagen, was ich glaube?“, flüsterte sie. „Es ist das Wolkenschloss.“
„Wie bitte?“
„Vielleicht hat sich Valbredos Bosheit irgendwie auf diesen Ort übertragen.“
„Na, das ist doch wohl ein bisschen sehr weit hergeholt.“
„Dann eben die Erstarrung des Ordens.“ Lunara grub ihre Finger in seinen Arm. „Du merkst doch selbst, dass jede Abweichung vom Althergebrachten an der Sturheit der Priester scheitert.“
„Ich weiß nicht …“
Lunara ließ ihn los. „Denk doch, was du willst. Für mich steht fest, dass Vaters Veränderung irgendetwas mit dem Palast oder mit diesen Priestern zu tun hat. Und dass wir die einzigen sind, die etwas unternehmen können.“ Sie entzündete eine Kerze. Im schwachen, flackernden Licht bemerkte Pirino, dass hinter ihr ein umfangreiches Bündel auf dem Boden lag. „Ich jedenfalls werde nicht ruhig abwarten, bis alles zu spät ist. Ich gehe, egal, ob du mitkommst, oder …“
„Ist ja schon gut“, rief Pirino ungeduldig. "Ich sehe das doch genauso. Verschwinden wir lieber, bevor uns jemand erwischt. Los, komm mit, ich habe schon eine Idee.“

Auf Zehenspitzen schlichen Pirino und Lunara auf den nördlichen Ar-kadengang der zweiten Galerie hinaus. Pirino sah sich um, lief vorsichtshalber bis zu dem Zugang, der in den großen Speisesaal führte und spähte auf die angrenzende Terrasse.
„Alles in Ordnung“, raunte er, als er zu Lunara zurückkehrte. „Wir sind allein. Schnell jetzt. Mach doch mal Platz, Feline.“ Die Katze kroch ihnen unausgesetzt um die Beine. Sie brummte vernehmlich und kratzte mit der Pfote an Pirinos Hose. Er schob sie beiseite. „Nun hör schon auf. Komm, Lunara.“
Hand in Hand traten sie an die Balustrade.
„Mirilla“, riefen sie verhalten. „Mirilla, wir brauchen deine Hilfe. Mirilla.“ Alles blieb still.
„Noch mal“, kommandierte Pirino.
Sie wiederholten ihren Ruf, dreimal, viermal, fünfmal, sechsmal.
Vergebens.
„Wo bleiben sie denn nur?“ Pirino klatschte mit der flachen Hand auf die Brüstung. „Mirilla hat selbst gesagt, dass sie und die anderen Flirrflügler jeden unserer Befehle befolgen. Oder habe ich das falsch in Erinnerung?“
Lunara schüttelte den Kopf.
„Wo stecken sie dann? Mirilla, Mirilla! Feline, verschwinde, du störst. Mirilla, Mi…“
„Pirino, warte.“ Lunara zupfte ihn am Ärmel. „Ich glaube, Feline, will uns was sagen.“ Sie deutete auf die Katze, die auf der Balustrade hin und her stolzierte.
„Wie? Was hast du dauernd mit ,Feline sagt‘? Behauptest du, dass du sie verstehst?“
„Manchmal“, entgegnete Lunara knapp. „Wenn sie es will. Ich dachte, ich hätte dir das erzählt.“
„Kann sein, aber …“
„Still jetzt.“ Lunara machte eine abwehrende Handbewegung. „Ich muss mich konzentrieren.“ Feline stieß mit dem Kopf gegen ihren Arm und miaute aufgeregt. Lunara lauschte angespannt. Pirino sah, wie sich ihre Augen weiteten.
„Bei allen Mächten“, hauchte sie. „Wie konnte ich das nur vergessen?“
„Was ist?“, drängte Pirino.
„Pst“, zischte Lunara, während Feline weiter maunzte.
„Ach, du meine Güte“, stöhnte sie, als die Katze verstummte. „Pirino, Mirilla und die anderen kommen nicht.“
„Und wieso? Was ist mit unserem Vorrecht, als wahre Oberhäupter des Ordens …?“
„Darauf haben wir selbst verzichtet.“
„Das wüsste ich aber. Wann soll das gewesen sein?“
„Damals, kurz bevor die Leute aus Syrlin kamen. Erinnerst du dich nicht? Wir haben Mirilla aufgefordert, dass sie und die anderen …“
„… deinem Vater gehorchen sollen“, vollendete Pirino langsam. Betroffen sah er von Feline zu Lunara.
Feline miaute langgezogen.
„Wir haben Vater damit die alleinige Macht über die Flirrflügler übertragen“, übersetzte Lunara.
„Das ist unmöglich“, protestierte Pirino. „Wenn das so wäre, hätte Mirilla uns gewarnt …“
Feline fauchte.
„Sie hat es versucht.“ Lunara schluckte. „Aber wir waren zu überzeugt davon, dass wir das Richtige tun, um ihr zuzuhören.“
„Oh.“ Pirino fühlte sich, als würde ihm der Boden unter den Füßen weggezogen. Das war ein herber Rückschlag!
Er straffte sich. „Also gut“, meinte er grimmig. „Dann müssen wir es eben anders schaffen.“

Schon vor dem ersten Treppenabsatz packte Lunara Pirino am Arm und deutete nach vorn. An den Säulen, die den Abgang einrahmten, standen reglos zwei Männer, die lange Spieße in den Händen hielten.
„Palastwachen“, formte sie mit den Lippen.
„Dein Vater zieht alle Register“, knirschte Pirino. „Aber wenn er sich einbildet, uns auf die Weise aufhalten zu können, hat er sich geschnitten.“ Geräuschlos pirschte er sich näher. „Svenidominore.
Sofort sackten die Männer in sich zusammen. Dem einen sank der Kopf auf die Brust, der andere rutschte sogar an der Säule herunter und fing laut an zu schnarchen.
„Gute Nacht und schlaft recht schön“, murmelte Pirino bissig.

Auf dem Weg in die Eingangshalle stießen sie auf weitere Soldaten, die sie allesamt mit dem Schlafzauber belegten.
An der Treppe, die in den Palastgarten führte, blieb Pirino stehen.
„Jetzt wird es spannend“, tuschelte er. „Wer weiß, welche Überraschungen unten auf uns …“
CCCCHHHHRRRR!
Erschrocken wirbelte er herum, als Feline fauchend auf den Springbrunnen in der Mitte der Halle zuschoss.
„Auuuu!“ Ein Schmerzenslaut ertönte.
„Verdammt, da ist jemand“, stieß Pirino hervor. „Svenidomi …“
„Nein, nein, bitte Magoriore Pirino, nicht verzaubern.“ Hinter dem Brunnen stolperte eine Gestalt hervor. „Nicht verzaubern. Ich bin es doch.“
Verblüfft ließ Pirino die Hand sinken. „Tireno!“

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